Ensô 円相 – der Kreis

Ensô 円相 – der Kreis


Auf dieser Homepage wird man immer wieder mal ein kleines Bildchen sehen auf dem ein – in diesem Falle schwarzer, nicht ganz geschlossener – Kreis abgebildet ist. Dieses einfache Symbol nennt sich ensô 円相 (Kreis, rund + Aussehen = etwas von runder Erscheinung). Einige Personen kennen dieses Motiv ja vielleicht schon von Bildern oder Bildrollen. Bei uns im Westen ist es, so vermute ich jedenfalls ganz stark, vor allem in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in Verbindung mit der Zen-Meditation, der Shodô genannten jap. Kallligraphie und der ebenfalls japanischen Bewegungskunst Aikidô bekannt geworden.

Ich möchte mir an dieser Stelle nicht anmaßen, verbindlich erklären zu wollen, was ganz genau das Symbol Ensô nun darstellt oder nicht. Ich weiß auch nicht, welche der vielen Erklärungen, die man zu Bildern dieser Art findet besonders gut sind. Ich werde daher nachfolgend zunächst beschreiben, was Ensô für mich persönlich bedeutet und warum ich ausgerechnet ihn für das obengenannte kleine Bildchen – hier lediglich in der Funktion eines reinen Abstandhalters verwendet – ganz bewusst ausgewählt habe.

Der Kreis sollte mit einem Pinselstrich gezeichnet werden während man ausatmet. Imgrunde ist eine spätere Korrektur nicht möglich. Er kann geschlossen oder durchbrochen sein, noch nicht ganz beendet. Ich persönlich mag wirklich den Gedanken, dass eine Sache nicht trotz sondern gerade wegen ihrer Unvollkommenheit etwas ganz Besonderes darstellt.
In Japan gibt es eine Handwerkskunst, die m.A.n. Ausdruck genau dieser Denkweise ist: Kintsugi 金継ぎ (金 = Gold + 継ぎ = verbinden, also etwas mittels Gold verbinden). Eine zerbrochene Keramik wird hierbei mittels eines Leims, dem Gold o.ä. beigemengt worden ist, bewusst wieder derartig zusammengesetzt, dass man die alten Bruchstellen noch deutlich erkennt.*

Ensô (円相 = Kreis)
ein einfaches aber dennoch kraftvolles Symbol

Der offene Kreis symbolisiert für mich u.a. den Kreislauf des, Lernens und Erfahrens, ja des Lebens selbst. Der Pinselstrich ist nicht ganz am Ende angekommen und so gibt es auch immer noch etwas Neues zu lernen und erfahren. Ich bin mir bezüglich des Lebens nicht sicher aber beim Lernen wäre auch das Schließen des Kreises kein Ende, sondern ein neuer Anfang, nur diesmal auf einer etwas höheren Stufe. Zöge man mit einem Pinsel über dem alten einen neuen Kreis, so lägen die neuen Farbpigmente über denen des ersten Kreises und so ginge es mit jedem neuen Kreis spiralförmig weiter. Befasst man sich mit Dingen, meistert diese und befasst sich dennoch weiterhin ernsthaft mit ihnen, kann man möglicherweise auf Basis des bereits erworbenen Wissens und gemachter Erfahrungen nun wiederum ganz neue Erkenntnisse erlangen, die Anderen womöglich verwehrt bleiben.

Bleiben wir der Einfachheit halber bei nur einem einzigen (offenen) Kreis, so spornt dieser auch an. Er versinnbildlicht, dass – egal wie langsam man möglicherweise vorankommen mag – jeder kleine Schritt uns unweigerlich an unser Ziel bringen wird. Läuft man jedoch in eine völlig falsche Richtung, wird der Kreis womöglich etwas unrund. Ich könnte sicherlich viele weitere Gedanken darlegen, die mir in den Sinn kommen, wenn ich an Kreise denke aber stattdessen werde ich nun Andere erklären lassen, was der Kreis in der japanischen Kultur bedeutet, insbesondere im Zen-Buddhismus.

In chinesischen und japanischen Moral-Lehren spricht man wie in den Kampfkünsten dieser Länder oft vom Weg (chin. dào 道, jap. dô 道). Aus Japan kommen die modernen Kampfkünste Kendô 剣道 (Schwert-Weg, das sportliche Punkte-Fechten mit Bambusschwertern) und Jûdô 柔道 (flexibel-Weg) aber auch das bereits erwähnte Shodô 書道 (Handschrift/Buchstabe-Weg/Lehre) und der Chadô 茶道 (Tee-Weg).
Die einfache Übersetzung von dô mit Weg birgt das Problem, dass man die große Komplexität übersieht, die mit diesem Begriff einhergeht. An dieser Stelle soll auf diese Komplexität nicht gezielt eingegangen werden aber es sei erwähnt, dass der Weg zumindest m.A.n. als ein geistiger Überbau verstanden werden muss, der den einzelnen Lehren jeweils einen spezifischen Rahmen vorgibt.

Der berühmte Zen-Meister Dôgen Zenji (道元 禅師, 1200-1253) äußerte sich natürlich auch zum Weg,** dessen Linearität er durchaus anerkannte (man arbeitet auf ein Ziel hin, das in weiter Ferne liegt, schreitet auf dem gewählten Weg voran). Er spricht aber auch vom Weg als Ring, vom Dôkan (道環 Weg-Ring), genauer vom Gyôji-dôkan 行持道環 (kontextuell heißt das in etwa: 行持 unaufhörliches Üben der [buddh.] Praxis + 道環 [auf dem buddh.] Weg rotieren).
In seinen Augen umfasst jeder Moment des Übens auch Erleuchtung und jeder Moment der Erleuchtung ein Üben; der Prozess des Übens und das Ziel sind untrennbar. Mit jedem Schritt den man tut kommt man auch an und Augenblick auf Augenblick wird der Kreis von Üben und Erleuchtung erneuert. Man geht der Erleuchtung nicht entgegen sondern diese entfaltet sich.

In einem Zen-Lexikon (ich kenne den englischen Titel leider nicht, da ich nur eine Kopie des betreffenden Eintrags zugespielt bekam) steht auf Seite 248 unter ichi-ensô 一円相 (Übersetzung engl. => dt. von mir): „wortwörtlich „eine runde Erscheinung.“ Dies bezieht sich auf die endgültige Realität, welche das gesamte Universum gänzlich umfasst. cf. Hekigan-roku, 69 .
Laut Daisetz T. Suzuki ist das Hekigan-roku 碧巌録 (blaue Felsen Aufzeichnungen),*** oft übersetzt als „Aufzeichnungen der blauen Klippen“, eines der wichtigsten Werke beim Studium des Zen. Er schreibt, dass dieses Werk (eigentlich chinesischen Ursprungs) seit seiner Einführung in Japan irgendwann im 14. Jhdt. benutzt wird. Imgrunde besteht das Buch hauptsächlich aus einhundert kurzen Anekdoten und den sie erklärenden Kommentaren. Es ist ein Werk des Chan-Buddhismus, der in Japan dann später als Zen-Buddhismus seinen Niederschlag fand.

Interessanterweise gibt es es in der Kashima Shinden Jikishinkage-ryû Seitô-ha, einer Schwertschul-Tradition, Suburi 素振り (= „grundlegendes Schwingen“), die ebenfalls als ichi-ensô bezeichnet werden. Bei diesen Überkopf-Schlägen (die tatsächlich Schnitte simulieren) schwingt man ein sogenanntes Bokutô 木刀 (= „Holz-Schwert“) abwechselndt über die linke und rechte Schulter. ****

Chûhô Sôu 宙寶宗宇 / Shôgetsu 松月 (1759-1838)
Ensô, begleitet vom Satz „Saku ma、saku ma。“

Bereits im Vorwort ihres Buches „Ensō: Zen Circles of Enlightenment“ schrieb Audrey Yoshiko Seo ein paar Dinge zum Kreis als solchem, der über Kulturen und Zeitalter hinweg stets das Gefühl von Ruhe und Vollständigkeit hervorgerufen haben soll. Er soll die Gesamtheit unseres Seins ausdrücken und – egal ob in Anbetungs-Zeremonien, mythologischen Geschichten oder religiöser Kunst – auf den wesentlichsten Aspekt unserer Existenz weisen, seine Ganzheit. Seo äußert, dass Carl Jung (zweifelsohne meint sie den Schweizer Carl Gustav Jung, den Begründer der analytischen Psychologie, 1875-1961) in seinen Kommentaren über unser kollektives Unbewusste vom Kreis als der „Urgestalt der Ganzheit“ sprach. Zudem stellt sie fest, dass wir offenkundig mit dem Kreis verbunden sind, denn wir sind einbgebunden in die Rundheit des Horizonts und leben auf einer Kugel, die mit anderen Kugeln um die Sonne kreist.*****

Auf Seite 64 ihres Buches schreibt Seo zum oben abgebildeten Bild (von mir leicht bearbeitete Version eines online gefundenen schlechten Fotos) des Zen-Meisters Chûhô Sôu 宙寶宗宇 (auch Shôgetsu 松月), dass er mit seinem ensô und der Inschrift mitten in das Herz des Zen getroffen habe. Er zeichnete neben den Kreis die zwei Kanji (Schriftzeichen) saku ma gefolgt von zwei Wiederholungszeichen (作 saku = erschaffen, Kultivierung + 磨く = polieren, verfeinern (bspw. eine Fähigkeit), (auf)bürsten). Seo kommt zum Ergebnis, dass Chûhô Sôu mit “Saku ma、saku ma。” die Betrachter seines Bildes auffordere, unablässig danach zu streben ihre Fertigkeiten und ihr Training zu vertiefen, um so ihre Zen-Erfahrung und ihr Verstehen zu vergrößern.



– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

*Auch wenn häufig die Aussage zu lesen ist, man klebe beim Kintsugi Teile „mit einem Leim o.ä., dem Gold beigemengt wurde“ wieder zusammen, so ist es doch vielmehr so, dass sinnvollerweise meist erst direkt nach dem Kleben die Klebestellen mit bspw. Gold- oder Silberstaub bestrichen werden.

**Kazuaki Takahashi (Herausgeber), Enlightenment Unfolds: The Essential Teachings of Zen Master Dōgen, 2000, S. xxvii f., Shambhala Publications, Inc.

***Daisetz T. Suzuki, ON THE HEKIGAN ROKU („Blue Cliff Records“) With a Translation of „Case One“, S.5 in The Eastern Buddhist NEW SERIES, Vol. 1 (September 1965), veröffentlicht von der Eastern Buddhist Society

****Grigoris Miliaresis, Kashima Shinden Jikishinkage-ryu: breath in, breath out, step in, step out
(Online-Artikel) für budojapan.com (by BAB), zuletzt kontrolliert Donnerstag, 28.07.2021 20:57pm,
https://budojapan.com/kenjutsu/ksj20201014/

*****Audrey Yoshiko Seo, Ensō: Zen Circles of Enlightenment, 2007, S. xi, Weatherhill An imprint of Shambhala Publications, Inc.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.